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Zeitzeugen

Zeitzeugen können uns nur ihre Geschichte erzählen. Jedoch muss diese in Beziehung gesetzt werden zu den Geschichten, die andere Zeitzeugen erzählen. Und sie muss verglichen werden mit weiteren Quellen, mit Akten zum Beispiel, mit Zeitungsberichten, mit Fotografien und Dokumenten. Auch Zeitzeugen sind Quellen, denen man mit einem gesunden Maß an nüchterner Distanz begegnen muss.

Problematisch wird es, wenn der Eindruck entsteht, Zeitzeugen besäßen die Erklärungs- und Deutungshoheit über die Vergangenheit: "Ich erzähle euch jetzt mal, wie es wirklich war..."

"Der größte Feind des Historikers ist der Zeitzeuge" - dieser Scherz wird gern in den Geschichtswissenschaften weitergetragen: das Selbstbild älterer Zeitzeugen kann die Erinnerung so stark beeinflussen, dass selbst objektiv Falsches glaubhaft vermittelt wird. Zeitzeugen können die Kommunikationsmöglichkeit eines Gespräches für Abschweifungen benutzen oder ihren einstudierten Text zu einer Botschaft für die Späteren umbauen. Sowohl ehemalige KZ-Häftlinge als auch Weltkriegsteilnehmer müssen sehr kritisch wahrgenommen werden. Vor allem Schüler sind damit häufig überfordert, gerade weil der "authentische" Zeuge sie besonders beeindruckt (siehe auch Lutz Niethammer, 1989: Posthistoire, Ist die Geschichte zu Ende? Rowohlt).

Zeitzeugen sind Personen, die über die Zeitgeschichte, also die "Epoche der Mitlebenden", Auskunft geben können (Hans Rothfels: Zeitgeschichte als Aufgabe. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1, 1953, S. 2.). Als Träger von Erfahrung fungieren sie dabei weniger als Zeugen eines äußeren Geschehens, wie etwa Tat- oder Augenzeugen, sondern schilderen "eine bestimmte Sicht auf die Vergangenheit", als Verkörperung ihrer Wahrnehmung des Geschehens, über das sie sprechen (Dorothee Wierling: Zeitgeschichte ohne Zeitzeugen. Vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis – drei Geschichten und zwölf Thesen. In: BIOS. Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 21, 2008, S. 30).

Zeitzeuge Werner Klaus
Werner Klaus, am 04. August 1927 in Gelsenkirchen-Ückendorf geboren, erlebte als Kind die Reichspogromnacht und wurde in den letzten Kriegstagen eingezogen. Nach dem Krieg wurde er frühzeitig aus einem Gefangenenlager am Niederrhein entlassen, weil er sich als Bergarbeiter-Lehrling ausgab: Männer, die auf den Zechen gebraucht wurden – das hatte der 17-Jährige begriffen – durften das Lager verlassen. So führte sein Lebensweg bereits 1955 nach Essen. Nach der letzten Schicht auf der Zeche Langenbrahm, verblieb er 1966 als letzter „Mohikaner“ zur Abwicklung. Mit dem Abbruch der Zeche sollte auch die Registratur verbrannt werden. Werner Klaus sicherte damals viele Dokumente, Karten und Bilder, die er 2012 der Stadt überlassen hat. Der studierte Architekt war auch nach der Stilllegung der Zeche noch für die daraus entstandene Langenbrahm AG mit ihrem erfolgreichen Immobiliengeschäft tätig. 1990 ging er in den (Un-)Ruhestand. Als Zeitzeuge „der letzten Tage von Langenbrahm“ widmete er sich bis 2004 deren Geschichte (1772 bis 1966) und schrieb 2012 - motiviert von Nachbarn und Verwandten - seine Erlebnisse und Eindrücke bis etwa 1952.

Weitere Berichten von Zeitzeugen werden folgen.