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Anreise/Anfahrt

Stolperstein "Nelli Neumann"

Geboren am 03.01.1886
Gestorben am 01.07.1942 in Minsk

Vita

"Zu guter Letzt noch eine Anfrage an die Mitglieder des ASB, bei der es sich um etwas ganz anderes geht, und zwar um die Möglichkeit, einen sog. Stolperstein auf dem Schulhof der Luisenschule zu verankern, auf dem an die Luisenschullehrerin Nelli Neumann erinnert wird, die im KZ ermordet wurde. Nun ist vor allem mittelalten und jungen AltschülerInnen der Name „Nelli Neumann“ kein Begriff. Aber da können wir zum Glück abhelfen, denn im Jubiläumsheft der Luisenschule von 1991, das unser Oberstudiendirektor Hans Schippmann zum 125jähr. Bestehen der Schule herausgegeben hat, findet sich ein von Ingrid Wielant hervorragend verfasster Artikel über das Leben von Nelli Neumann. Ingrid Wielant/Janzen ist Luisenschulabiturientin von 58 u. war Lehrerin für Französisch und Geschichte an unserer Schule von 1969 – 1998. Wer also das besagte Jubiläumsheft besitzt, kann die Lebensgeschichte von Nelli Neumann im 10. Kapitel nachlesen. Für alle anderen sollen unsere „Mitteilungen“ abhelfen, und zwar in zwei Teilen, da der Artikel ziemlich lang ist. Näheres zum Thema Stolperstein kommt im nächsten Heft. Heute nur noch so viel, dass die Anregung dazu von der unermüdlich schaffenden Altschülerin Elsa Sippel gekommen ist, die den entsprechenden Kontakt geknüpft hat.

Ein Lebens- und Leidensweg. Das Schicksal der jüdischen Lehrerin Nelli Neumann

Nelli Neumann wurde 1886 als Tochter des Justizrats Neumann in Breslau geboren. Die Eltern waren jüdischer Abstammung, aber evangelische Christen und ließen ihr einziges Kind taufen. Nelli war erst zwei Jahre alt, als ihre Mutter starb. Der Vater versuchte, ihr die Mutter zu ersetzen, erzog sie mit viel Liebe und behandelte sie wie einen Kameraden. Ihr Zusammenleben wurde allerdings beeinträchtigt durch seine Schwiegermutter, die nach dem Tod der Frau den Haushalt versorgte und die sie mit ihren Launen häufig quälte. Nelli wuchs ziemlich einsam auf, Mitschülerinnen besuchten sie nie. Shon früh zeigte sich Nellis mathematische Begabung, und sie wurde darin von ihrem Vater gefördert. So ließ er ihr von einem hochbegabten Schüler zusätzlich Mathematikunterricht erteilen. Er hieß Richard Courant und war später ein berühmter Mathematikprofessor in Göttingen und ab 1933 in New York. Nach Nellis Abtiur besuchten beide Vorlesungen in Mathematik und Physik an der Universität Breslau. Die Professoren entsprachen nicht ihren Erwartungen, und so wechselten sie im Frühjahr 1907 nach Zürich über, von wo sie allerdings nach einem Semester bereits enttäuscht zurückkehrten.

Während Nelli in Breslau weiterstudierte, ging Richard im Oktober 1907 nach Göttingen, das sich damals als Zentrum der Wissenschaften, vor allem dr Mathematik, entwickelte. Ende 1911 verlobte Nelli sich mit dem zwei Jahre jüngeren Richard. Richard plante seine Habilitation in Göttingen, Nelli hatte in Breslau einen Doktorgrad erworben und gleichzeitig ihr Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien abgelegt. Ende Februar 1912 habilitierte sich Richard und hielt seine Antrittsvorlesung. Nach den Sommerferien bezogen Nelli und Richard als Ehepaar ein kleines Haus in Göttingen. Richard liebte es, unangemeldet Freude und Studenten mitzubringen und mit ihnen zu diskutieren. Bei der Bewirtung der Gäste tat Nelli sich schwer: zur Hausfrau war sie wenig geeignet und ihre ganze Erziehung war nicht darauf angelegt. „Die Dinge sind um so komplizierter, je weiter sie sich von der Mathematik entfernen, und der Haushalt ist am weitesten von der Mathematik entfernt“, erklärte sie der Cousine ihres Mannes, Edith Stein.

Die Gesprächsrunden in ihrem Haus bestanden fast ausschließlich aus Männern. Nelli fühlte sich oft einsam und so gab sie Edith Stein in einem Brief die Anregung, doch von Breslau nach Göttingen zu kommen. Edith Stein (sie trat später in den Karmeliter-Orden in Köln ein, wurde wegen ihrer jüdischen Abstammung auch ein Opfer des Holocaust, 1987 während des Papstbesuchs in Köln seliggesprochen) kam im April 1913 nach Göttingen und wurde Schülerin des Philosophen Edmund Husserl. Edith Stein beschreibt Nelli als heiter und gesprächig. Dabei sei sie aber ein Mensch gewesen, der allen Dingen auf den Grund gehen wollte. Besonders interessiert war sie an ethischen Fragen; so nahm sie sich neben dem Haushalt die Zeit, einige Vorlesungn zu hören und einmal in der Woche mit Edith Stein zusammen ein philosophisches Kolleg zu besuchen. Außerdem arbeitete sie in der Berufsberatungsstelle für Studentinnen, die vom Verein „Fauenbildung – Frauenstudium“ eingerichtet worden war.

Das Zusammenleben von Nelli und Richard gestaltete sich zunehmend schwierig. Magda Frei, eine spätere Schülerin Courants berichtet: „Wir hatten immer den Eindruck, dass ihr einziges gemeinsames Interesse die Mathematik war.“

Am 30. Juli 1914 bekam Richard seinen Stellungsbefehl, zwei Tage später begann der 1. Weltkrieg. Als Richard im August 1915 Fronturlaub erhielt, war Nelli nicht zu Hause, sondern in Berlin. Wenig später wurde Richard verwundet und ins Militärhospital nach Essen gebracht. Hier besuchte ihn Nelli und bat ihn um Scheidung. Diese wurde am 16. Februar ausgesprochen. Nelli nahm wieder ihren Mädchennamen an und zog 1918 nach Essen, wo sie an der Luisenschule am Bismarckplatz als Studienrätin in denFächern Mathematik, Physik und Chemie unterrichtete.

Herr Direktor Wasserloos, ab 1926 Leiter de Luisenschule, beschreibt sie asl eine eigenständige, sehr angesehene Kollegin, die bereit und fähig war, an allgemeinen Fragen des Schullebens sachlich und ausgleichend mitzuwirken.

Bei der Vorbereitung des Unterrichts war sie von äußerster Gewissenhaftigkeit. Um physikalische und chemische Versuche aufzubauen und durchzuführen, blieb sie mitunter sogar nachts in der Schule. Dies bestätigt auch die ehemalige Kollegin Ilse Beier, die als Referendarin von Nelli Neumann viel lernte. Oft verzichtete Nelli Neumann auf ein richtiges Essen, ging oft mit Frau Beier in eine Konditorei oder knabberte Studentenfutter, um nicht von der Arbeit wegzumüssen. Wie sehr Nelli Neumann von der Begeisterung für ihre Fächer beherrscht war, berichtete auch Frau Dr. Jäger, eine andere Kollegin. In einer Physikstunde wollte Nelli Neumann zeigen, wie durch das Reiben mit Fell an einem Hartgummistab Elektrizität erzeugt wird. Als der Versuch misslang, nahm sie kurzentschlossen ihren neuen Pelz zum Reiben: „Egal, der Versuch muss klappen!“

Berühmt geworden ist auch eine andere Episode, von der Frau Jacobs berichtet. Eines Tages stank es bestialisch im Lehrerzimmer. Nach längerer Suche entdeckte man in Nelli Neumanns Fach ein verfaultes Kotelett. Sie hatte es dort deponiert, um es im Chemieraum zu braten, abe wohl Zeit und Raum vergessen … Übehaupt zeichnete sie sich durch geniale Unordnung aus.

Frau Beier bewunderte vor allem Nelli Neumanns universale Bildung, ihr fundiertes Wissen über Kant und Goethe. Die Mathematik sah sie nicht losgelöst von den anderen Wissenschaften sondern sie durchdachte sie von der Philosophie her.So leitete sie an der Luisenschule auch eine Arbeitsgemeinschaft, in der sie mit den Schülerinnen den Zusammenhang von mathematischen und philosophischen Fragen behandelte.

Die Beurteilung ihres Unterrichts durch ehemalige Schülerinnen sieht unterschiedlich aus, aber immer wird ihr hohes wissenschaftliches Niveau festgestellt und ihr Bemühen um Gerechtigkeit gegenüber den Schülerinnen. „Sie war kein Typ, für den man schwärmte, aber sie flößte Respekt ein“ – so Frau Lenssen.

Mitteilungen 38. Ausgabe (2006) S. 15-17:

Kommen wir nun zum Thema „Stolperstein“ für Nelli Nemann auf dem Schulhof der Luisenschule, wahrscheinlich in unmittelbarer Nähe des Haupteingangs! Auf Seite 11 der Mitteilungn 2005 hatten wir von der Möglichkeit berichtet, einen solchen Stolperstein als Erinnerung an die im KZ ermordete Luisenschul-Lehrerin Nelli Neumann einarbeiten zu lassen. Die unermüdlich schaffenden Altschülerin Elsa Sippel / Herford, Abi 1950, hatte den Kontakt zu dem Mittelsmann, dem Historiker Ernst Schmidt, hergestellt, der vorsorglich und unverbindlich den Namen „Nelli Neumann“ hat vormerken lassen.

Da nun für viele Altschülerinnen diese Lehrerin kein Begriff ist, haben wir im letzten Heft damit begonnen, den Bericht über sie aus dem Jubiläumsheft der Schule zum 125jähr. Bestehen wiederzugeben. Hier nun der zweite Teil des Artikels, den die Luisenschul-Abiturientin von 1958 und alsdann Lehrerin für Franz. u. Geschichte von 1969-1998 Ingrid Wielant /Janzen verfasst hatte.

Einige erinnern sich daran, dass sie in den großen Pausen mit dem Kollegen Dr. Hesse über den Schulhof wandelte und diskutierte. Sie hatte eine stattliche Figur, war mittelgroß und trug meist dunkle, einfarbige, wallende Gewänder, die fast bis zum Boden reichten. Sie trug eine Taube als Brosche, da sie Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft war. In ihrer Freizeit ging Nelli Neumann oft in Konzerte; sie selbst spielte hervorragend Klavier und liebte vor allem Mozart.

In ihrer Arbeit wusste sie sich stets getragen von ihrem christlichen Glauben.An den Schulgottesdiensten nahm sie regelmäßig teil, und sie gehörte zu dem Kreis, der sich um den Essener Pfarrer Graeber von der Paulskirche gebildet hatte.

Geblieben ist das Bild einer starken Lehrerpersönlichkeit. Alles in allem ergibt sich der Eindruck, dass die Essener Berufsjahre 1919 – 1933 eine glückliche Zeit für Nelli Neumann waren.

Das änderte sich, als am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Durch Entscheidung des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volsbildung wurde Nelli Nemann am 27.9.1833 aufgrund des § 4 des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem öffentlichen Schuldienst entlassen. Die Entfernung erfolgte abrupt, ohne Begründung und ohne Abschied von den Kollegen und Schülerinnen, zusammen mit ihren Kollegen Fau Else Thiele und Herrn Freund, die der Sozialdemokratischen Parteil angehörtn und wie Nelli Neumann Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft waren. (Die Deutsche Friedensgesellschaft war 1892 aufAnregung Bertha von Suttners gegründet wordne und stellte das erste pazifistische Programm in Deutschland auf; die Gesellschaft wurde im Nationalsozialismus aufgelöst.)

Nelli Neumanns Gehalt wurde so stark gekürzt dass sie von anderer Seite unterstützt werden musste. Einige Angehörige ehemaliger Kollgegen kümmerten sich um sie. Ihre einfache Wohnung in der Klarastraße in Rüttenscheid musste sie der Kosten wegen mit einer kleineren in der Bahnhofstraße vertauschen. Nicht wenige ihrer früheren Schülerinnen besuchten sie bis 1941. Nelli Neumann warnte sie vor der damit verbundenen Gefahr und war voller Ängste und Sorgen.

Kurz nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzlr bildeten sich, auf Initiative des Pfarrers Graeber von der Pauluskirche, im Kirchenkampf ab Mai 1933 die „Freien Presbyterianer“, die zur Bekennenden Kirche gehörten. Zu diesen freien Presbyterianern – der Begriff kommt aus den Reformierten Kirchen und wurde von Pfarrer Graeber gewählt – gehörte auch Nelli Neumann. Für die sonntäglichen Gottesdienste benutzte man einen Saal im 4. Stock des „Hauses der Technik“, da Pfarrer Graeber seines Amtes enthoben worden war und somit nicht mehr in der Pauluskirche Gottes dienst halten konnte. Frau Pastorin Kaufmann erinnert sich daran, dass Nelli Neumann am erstenSonntag, nachdem den Juden das Tragen des gelben Sterns zur Pflicht gemacht worden war, unerschrocken mit diesem offen getragenen Stern im Gottesdienst erschien. Nelli Neumann besuchte auch die sogenannten „Bibelklassen“; das waren Bibelstunden, die unter der Leitung von Pfarrer Graeber in Privathäusern derFreien Presbyterianer stattfanden, u. a. auch im Hause Gustav Heinemanns, des späteren Bundespräsidenten.

Laut Schreiben des Oberpräsidenten der Rheinprovinz wurde Neilli Neumann am 10. 11. 1941 zum „Arbeitseinsatz im Osten“ eingeteilt und wenige Tage später wurde von der Gehaltsbuchhaltung der Stadtverwaltung Essen die Zahlung eines Ruhegehaltes „vorläufig“ eingestellt. Die letzten Tage vor ihrer Deportation wohnte Nelli Neumann im Hedwig-Dransfeld-Haus des Katholischen Frauenbundes in Essen-West, dessen Leiterein die ebenfalls abgesetzte Studienrätin Dr. Bardenheuer war. Pfarrer Graeber tat alles, was er konnte, um ihre Deportation zu verhindern – ohne Erfolg. Eine letzte Zusammenkunft mit Freunden aus ihrem Kreis fand am Tage vor ihrer Deportation statt. Sie war veranlasst durch die ehemalige Vikarin Kaufmann, anwesend waren auch die Frau des Direktors Waaserloos und die Kolleginnen Else Thiele und Marianne Rupprecht. Man wollte die Möglichkeit weiterer Kommunikation verabreden. Frau Kaufmann berichtet, dass Nelli Neumann in diesen Tagen äußerlich gelassen-resignierend, doch innerlich tief verstört , ihre stolze Haltung bewahrt habe. In einem Telefongespräch wenige Tage vorher sagte sie einer Kollegin, dass es keinen gutenSinn habe, sich „Auf Wiedersehen“ zu wünschen, weil nach den Juden auch die Chisten verschickt würden.

Einige Freunde und zwei ehemalige Schülerinnen begleiteten Nelli Neumann bis auf den Bahnsteig im Essener Hauptbahnhof. Man gab ihr noch einen selbstgebackenen Kuchen mit auf die Reise. Es wurde für alle ein bewegender Abschied.

Im Dezember 1941 erhielt der Religionslehrer Dr. Böhmer noch eine Karte von Nelli Neumann. Sie befinde sich auf dem Weg nach Minsk; das Gepäck habe man ihnen bereits abgenommen.

Durch einen Zufall wissen wir auch, wie Nelli Neumann zu Tode kam. Frau Pastorin Kaufmann lernte etliche Jahre nach dem Krieg einen Holzbildhauer aus Thüringen kennen, der ihr folgendes erzählte: Er war als Angehöriger der Deutschen Wehrmacht in Minsk stationiert. Dort fiel ihm unter den Juden des Lagers eine Nelli Neumann auf, die die Kinder um sich sammelte, mit ihnen spielte und sie beschäftigte. Diese Frau machte einen solchen Eindruck auf ihn, dass er ihren Namen behielt. Die deutschen Soldaten bekamen dann den Befehl, alle Juden zu erschießen. Als sie sich weigerten, wurden SS-Männer für die Mordkommandos eingesetzt. Die Juden mussten selber ihre Gräber ausheben, mussten sich mit dem Rücken zum Grabrand stellen und wurden erschossen, so dass sie ins Massengrab fielen.

Im Sommer 1942 gab Pfarrer Graeber der Gemeinde die offizielle Version der Todesursache von Nelli Neumann bekannt; „Bei Erdarbeiten in Polen verstorben.“

Damit endet die Lebensgeschichte einer Frau, deren Eltern zwar jüdischer Abstammung, die aber getaufte evangelische Christen waren so wie Nelli, das einzige Kind auch. Diese Frau wa durch und durch Mathematikerin, hat mit 25 Jahren den Doktortitel erworben und war auch sehr an Philosophie interessiert. Mit 56 Jahren wurde sie von Nazischergen auf gemeinste Art umgebracht, wie wir lesen konnten. Eine fürchterliche, kaum zu begreifende Wahrheit. Wie sollten wir dieser Frau nicht in Ehrfurcht gedenken!

Mitteilungen 39. Ausgabe (2007) S. 15:

Kommen wir nun zu unserem Stolperstein, der an Nelli Neumann erinnern soll. Ihr Schicksal haben wir in unsern beiden letzten „Mitteilungen“ beschrieben, so wie es Ingrid Wielant (1969-2000 Lehrerin an unserer Schule) inForm einer Kurzbiographie verfasst hat. Auf dem Foto hier nebenan können Sie Gunter Demnig mit demStolperstein in der Hand an der Stelle vor dem Portal stehen sehen,wo er ihn in den Boden eingelassen hat. Das Foto stammt von Andreas Koerner vom „Historischen Verein für Stadt und Stift Essen e. V.“, der mit dem Künstler am 7.7.06 zur Luisenschule gefahren ist und den Kontakt mit uns vom ASB gehalten hat. Auf die Möglichkeit eines Stolpersteins war Elsa Sippel, Herfort, Abitur 1950, durch einen Vortrag des Historikers Ernst Schmidt aufmerksam geworden, und dann ergab sich nach und nach das, über das nun alle Mitglieder des ASB Bescheid wissen können. rau Marcus wurde als Toni Bellerstein am 14. Februar im Jahre 1875 in Mönchengladbach geboren. Sie war die Tochter von Tirza und Salomon Bellerstein, der in Mönchengladbach ein Modehaus besaß.

Frau Marcus hatte zwei ältere Brüder - Paul und Ludwig - und eine zwei Jahre jüngere Schwester Adele. Über ihren schulischen oder beruflichen Werdegang existieren bislang keine Informationen.

Belegt ist, dass sie 1896 den 14 Jahre älteren Gerichtsassessor Emil Marcus aus Kamen heiratete. Im gleichen Jahr brachte sie ihren ersten Sohn Paul zur Welt. Emil Marcus wurde zum Amtsrichter befördert und zog aus diesem Grund mit seiner jungen Frau ein Jahr später nach Essen-Steele. Im Jahre 1898 wurde ihr zweiter Sohn geboren. Dieser starb jedoch vermutlich als Kind. Das genaue Datum und die Todesursache sind nicht bekannt.

Frau Marcus und ihr Mann waren offenbar keine Anhänger der jüdischen Religion. Sie traten gemeinsam in die evangelische Kirche ein. Das Ehepaar Marcus war vermögend und in Essen-Steele hoch angesehen. Sie gehörten vor 1933 ohne Zweifel zur privilegierten Gesellschaft. Der Sohn Paul Marcus absolvierte am Städtischen Gymnasium in Steele das Abitur und wurde Arzt. Er wanderte später in die USA aus, gründete eine Familie und entkam dem Holocaust. Emil Marcus starb 1924. Frau Marcus ging keine neue Ehe ein.

Frau Marcus trat am 20. April 1935 in die Katholische Kirche ein. Sie wurde an diesem Tag von dem Geistlichen Joseph Emonds getauft, dessen Familie sie später auf dem Bauernhof in Erkelenz-Terheeg versteckte

Eine Besonderheit an Frau Marcus ist die Vielzahl von verschiedenen Vornamen, mit denen sie sich selbst betitelte, oder von anderen Menschen betitelt wurde.

Offiziell wurde nur der Vorname „Toni“ in die Geburtsurkunde eingetragen. Später nannte sie sich selbst „Maria Antonia“. Durch die Nationalsozialisten kam der Pflichtname „Sarah“ hinzu. Wieder andere Menschen nannten sie nur „Maria“oder „Antonie“"

Literatur

AlteschülerInnenbund der Luisenschule – Essen. Mitteilungen 37. Ausgabe (2005) S. 11-13:

Grund der Verfolgung

Grund der Verfolgung: Jüdin
Deportiert am: 10.11.1941
Deportiert nach: Minsk

Stolperstein

  • Verlegt am 07.07.2006
  • Adresse: Ernst-Schmidt-Platz 1
  • Stadtteil: Südviertel
  • Steinlage: Link zum Kartenportal